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Andrea Lipphardt - Die Organisatorin mit Mission


DORTMUND In einem Kellerraum des Sanitätshauses Emmerich, ganz hinten in der Ecke, ist Andrea Lipphardts Schatzkammer. Hier drängen sich große, braune Kartons dicht an dicht. Sie sind geordnet nach Inhalten. Hier Schuhe, da Taschen, dort Kinderkleider und Haushaltsgeräte. In einer Ecke liegen Fußballtore. Alles ist nagelneu. Alles ist gespendet. Andrea Lipphardt hat dafür das ganze Jahr lang telefoniert und akquiriert. All diese Dinge, die sie hier hortet, werden bald bei einem Herbstbasar verkauft. Die 57-Jährige will die Chance nutzen, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, das noch immer ein Tabu ist: Prostitution.

Andrea Lipphardt, Kandidatin für den "Dortmunder des Jahres 2016". Foto: Dieter Menne

Es ist etwa 18 Jahre her, dass Andrea Lipphardt im Radio einen Aufruf der Mitternachtsmission hörte. Sie horchte auf, war sofort neugierig. Die gelernte Krankenschwester hatte ihren Job für die Kinder, die Familie aufgegeben. Aber sie wollte etwas tun. Dieser Aufruf kam gerade recht. Mit ihrem Mann fuhr sie hin, stellte sich vor, sagte: „Ich möchte helfen.“ Das tut sie bis heute. Und, wenn es nach ihr geht, solange es ihre Gesundheit zulässt.

Die Mitternachtsmission ist eine Beratungsstelle für Prostituierte und Opfer von Menschenhandel. Allein 2015 haben hier 888 Menschen – Frauen, ein paar Männer, auch Kinder – Hilfe gesucht und gefunden. Andrea Lipphardt ist eine von 80 Ehrenamtlichen, die den Verein unterstützen. Sie ist eine von denen, die dieses Tabuthema in die Öffentlichkeit zerren, die um Spenden bitten für eine Randgruppe, über die es viele Vorurteile gibt und wenig Bereitschaft, zu helfen.

Damals, als Andrea Lipphardt bei der Mitternachtsmission anfing, betreute sie zunächst eine Gruppe von ehemaligen Prostituierten. Sie organisierte Treffen und half den Frauen, zurück in ein normales Leben zu finden, machte Behördengänge, Arztbesuche und Einkäufe, organisierte Kleider für die Kinder. „Ich hab alles gemacht, was im alltäglichen Leben so anfällt und den Frauen schwerfällt“, sagt die 57-Jährige. In dieser Gruppe lernte sie auch Ida kennen.

"Sie hilft jedem"

„Andrea“, sagt Ida, eine Frau, die kein leichtes Leben hat, „hat mir allein mit ihrem Lächeln geholfen. Ich hatte sofort ein unglaubliches Vertrauen zu ihr.“ Ida ist immer wieder an die falschen Männer geraten, sagt sie, sie wurde prostituiert, geschlagen. Aber sie fand den Weg heraus aus dieser Mühle – mithilfe der Mitternachtsmission, mit Hilfe von Andrea Lipphardt. Heute engagiert sie sich selbst für die, die das gleiche Schicksal wie sie haben. „Andrea zieht mich immer wieder mit. Sie kann so gut vermitteln, worum es hier geht“, sagt Ida. „Sie hilft jedem.“

Andrea Lipphardt merkte, während sie diese Gruppe betreute, dass sie gut organisieren kann. Immer wieder wurde sie gefragt, ob sie für die Frauen etwas besorgen könnte, Kleider, Möbel, Wohnungen. Irgendwann, es muss 16 Jahre her sein, organisierte sie einen Basar. Im Bordell.

Sie sprach Einzelhändler an, fragte sie, was sie mit den Dingen machten, die sie nicht mehr brauchten und ob sie sie haben könnte. Sie warb für ihren Basar, für die Mitternachtsmission, blieb hartnäckig, fragte so lange, bis sie etwas in der Hand hatte. Heute läuft der Herbstbasar im Sanitätshaus Emmerich. Er ist zu einem jährlichen Großprojekt geworden – und zu einer Einnahmequelle für den Verein, der sich zu 60 Prozent aus Spenden finanziert.

In jenem Kellerraum, dieser Schatzkammer, sammelt Andrea Lipphardt akribisch all die Dinge, die sie von den Einzelhändlern bekommt und die beim Basar angeboten werden. Es ist ihr Reich, ihr ganzer Stolz. Der Basar ein Event, für das Andrea Lipphardt alle einspannt. Auch Ida. Sie macht Kartoffelsalat. Jedes Jahr.

Die Einnahmen aus dem Basar kommen den Prostituierten zugute. Andrea Lipphardt setzt sich vor allem für die ein, die zwangsprostituiert werden, für Minderjährige und die, die aussteigen wollen. Sie hat sich über die Jahre die Spendenakquise zu ihrer Aufgabe gemacht. Es ist keine leichte, denn die Spendenbereitschaft für Prostituierte ist klein. „Ich berichte von Schicksalen. Ich sage, dass ich dazu stehe und dass man einer Randgruppe helfen muss“, sagt Lipphardt. So finde sie Gehör. Nicht immer. Aber immer mehr. „Man muss hingehen, sich vorstellen und erzählen. Immer wieder.“

Für die Prostituierten ist Andrea Lipphardt weiterhin da. Sie versucht, bei Problemen zu helfen, sie hört zu. Zwei Aussteigerinnen habe sie über die Jahre begleitet. „Sie haben jetzt ein tolles Leben und einen tollen Job.“

Arbeit ohne Vorurteile

Ihr Ehrenamt ist mittlerweile ein Halbtagsjob, ihre große Familie – sie hat fünf Kinder, zwischen 21 und 35 Jahren – unterstützt sie dabei, hilft mit. Letztes Jahr, sagt Lipphardt, sei sie an ihre Grenzen gestoßen, da war es fast zu viel. Aber aufhören, das kann sie nicht. „Die Frauen brauchen unsere Hilfe. Und es lohnt sich.“

Es sei die Art, wie sie dieses Ehrenamt ausführe, die besonders sei, sagt Andrea Hitzke, Leiterin der Mitternachtsmission. „Andrea Lipphardt ist offen und ohne Vorurteile“, sagt Hitzke. „Das ist nicht selbstverständlich.“ Die Schicksale dieser Frauen, sagt Andrea Lipphardt, ließen sie nie los. „Ich habe die Chance, etwas Gutes zu tun, etwas von meinem Leben abzugeben.“ Die wolle, die müsse sie ergreifen.

Ehrenamts-Preis

Das sind die Nominierten für den Dortmunder des Jahres

DORTMUND Sie setzen sich seit Jahren für ihre Mitmenschen ein. Sie sind Ehrenamtler mit Leib und Seele: Dr. Klaus Harbig, Karin Nottebom und Andrea Lipphardt sind die drei Nominierten für die Auszeichnung "Dortmunder des Jahres 2016". Wir stellen sie und ihre Arbeit vor.

Karin Nottebom, Andrea Lipphardt und Dr. Klaus Harbig (v.l.) sind die Kandidaten für den "Dortmunder des Jahres 2016"

Ruhr Nachrichten

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